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Altes Verwaltungsgebäude in Chemnitz

Altes Verwaltungsgebäude in Chemnitz
Ein bekannter Aphorismus aus dem Volksmund sagt: Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare! Das passt: Dieser opulente Bau aus den 20ern des vergangenen Jahrhunderts diente nur einem Zweck: Verwaltung. Schreiben, ab-auf-ver-gegen-nach-rechnen, buchen, prüfen, abzeichnen, kassieren, mahnen und immer wieder: lochen - tackern - abheften. Das ist die überall anzutreffende basale Tätigkeit von Verwaltung, könnte man meinen wollen. Louis Leitz hat 1886 eine bis heute nahezu unverändert hergestellte Vorrichtung zur Bändigung der meist schnell anwachsenden Papierberge erfunden. Damit hat er sich in jeder Verwaltung selbst ein weithin sichtbares Denkmal gesetzt, denn seine Erfindung füllt bis heute überall auf der Welt Aktenschränke: sein gleichnamiger Ordner – der Leitz-Ordner. Rechnungen, Quittungen, Liederscheine, Protokolle und Korrespondenzen aller Couleur erst mal darin abgelegt, wird unablässig neues Füllgut für das praktische analoge Papier-Speichermedium erzeugt, als wäre es der eigentliche Zweck einer Administration, Papier zu erzeugen nur um es dann zu lochen, zu tackern und abzuheften. Damit würde man allerdings dem Büroangestellten per se erheblich unrecht tun, denn: Ohne Verwaltung geht es nicht! Ohne sie wäre unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nicht denkbar. Es herrschte Chaos. Negative bis abschreckende Beispiele gibt es zu Hauf. So wissen in einigen arabischen Ländern viele nicht, wann sie geboren sind, weil es keine Verwaltungsstrukturen gibt, die eine verlässliche Aufzeichnung dessen sicherstellen. Dem griechischen Fiskus gehen bis heute Unsummen verloren und es herrscht eine extreme Steuerungerechtigkeit, weil es dort keine effiziente Steuerverwaltung gibt. Bis heute gibt es Unklarheiten, Streit und ebensolche Ungerechtigkeiten unter scheinbar tatsächlichen und/oder mutmaßlichen Grundeigentümern auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, weil dort damals Grundbücher nachlässig und lückenhaft geführt wurden. Nach meinem Eindruck haben außerdem Verwaltungsangestellte neben doch einigen Annehmlichkeiten gegenüber körperlich-handwerklich tätigen Berufsständen einen entscheidenden Nachteil: Das Ergebnis ihrer Arbeit können Sie nicht sehen und anfassen – von den mit dem sogenannten Griffloch ausgestatteten Papiersammelvorrichtungen von Herrn Leitz einmal abgesehen. Und während ein mit hoher Handwerkskunst gefertigtes Werkstück mitunter Jahrzehnte in Gebrauch ist, so landen die mühevoll und akribisch angelegten Akten alsbald in einem Keller-Archiv, wo sie meist nie wieder ein Mensch anschaut. Diese Vorstellung beschleicht mich immer dann, wenn ich solche Verwaltungsgebäude besuche, in denen sich nicht selten noch schränkeweise mit allerlei zu jener Zeit wichtigen Dokumenten gefüllte Aktenordner befinden. Darin gestöbert dokumentiert sich auf ganz eigene Weise die Vergänglichkeit. Unübersehbar ist, wie wichtig diese Dokumente einmal gewesen sind, heute betrachtet allerdings wie aus einer anderen, längst vergangenen Welt scheinend. Da wird zum Beispiel ein Arbeiter urkundlich dokumentiert mit einem Orden für besonders gute Leistungen ausgezeichnet, dessen Verleihung vielleicht in der Familie als schon längst überfällig erwartet wurde und es dem betreffenden auch insofern sehr wichtig war, die Auszeichnung zu erhalten. Heute liegt das entsprechende blecherne Ehrenzeichen möglicherweise in einem fleddrigen Karton auf einem Flohmarktstand mit anderen äußeren Zeichen verschiedenster anerkennungswürdig gewesener Taten und wird für 1 Euro verramscht. Inflation der Bedeutung.


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