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Geschlossene Großraum-Diskothek

105 Db, 120 bpm, 100-W-Laser bei min. 30 °C Raumtemperatur. Was sich eher anhört wie die Bestandteile einer komplizierten physikalischen Formel, waren die Zutaten für ein gelungenes nächtliches Klang- und Lichtmenü, zubereitet von einem DJ, der sich darauf versteht, einen 'Laden' damit zum Kochen zu bringen.

Alles begann im New York der 60er Jahre, als die Plattenansager sich häuteten zum DJ. Der Mann hinter den Plattenspielern verstummte. Stattdessen ließ er das Ende eines Musikstücks in den Anfang des nächsten "überlaufen" und das so gekonnt, dass das Publikum ohne Unterbrechung weitertanzen konnte, was er nicht nur aber auch dadurch erreichte, dass er die Beats der beiden Stücke synchronisierte und so keiner beim Tanzen aus dem Takt geriet. Das Mixen war erfunden.
In den folgenden Jahrzehnten überzog die Disco-Welle nahezu den kompletten Globus. Auch hierzulande konnte ein Kaff nicht klein und abgelegen genug sein, als dass es nicht eine Dorfdisco gab, vor der sich an jedem Wochenende lange Schlangen bildeten.
Seinen Zenit erreichte die Welle mit der in den 80er Jahren wiederum in den USA entstandenen Housmusik. Marshall Jefferson's "Move Your Body", Farley "Jackmaster" Funk's "Love Can’t Turn Around" oder Fingers Inc. feat. Robert Owen's "Can You Feel It" wurden Hymnen ihrer Zeit und Szene. Und wenn's mir erlaubt ist, an dieser Stelle anzumerken: es waren auch die Hymnen meiner Zeit - oh ja, es war eine geile Zeit!

Das Leben bestand eigentlich nur aus den Wochenenden. Montag bis Freitag galt es irgendwie zu überbrücken. Freitagabend 19:00 Uhr. Durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Badezimmer x 3. Mit Freunden treffen – was essen – und auch wenn man es damals noch nicht so nannte, ein wenig "vorglühen". 22:00 Uhr. Parkplatzsuche vor der Disco. Nicht weil man wirklich glaubte, direkt vor dem Eingang noch einen Parkplatz zu finden, ist man natürlich trotzdem erst mal an selbigem vorbeigefahren. Fenster auf, Arm raus, Musik an. Immer die gleichen Rituale, die dazugehören, die in den Abend erst so richtig einstimmen. Einreihen in die Schlange. Hallo – Bussi links – Bussi rechts. Lustig machen über das komische Outfit von dem dicken mit der Brille. Am Türsteher vorbei, von dem man nichts zu fürchten hat, wenn man nicht gerade in Jeans und Turnschuhen vor ihn tritt. Am Kassenschalter, der auch der eines Hallenbades sein könnte, den Eintritt bezahlt und dann einfach den Bassschlägen folgen. Mitten rein ins Getümmel. Bunte Lichter zappeln durch den ansonsten dunklen Raum und schneidet sich durch die nikotinschwangeren Rauchschwaden. Wodka Lemon, Batida Orange oder einfach nur ein Bier wird der sich durch die Massen schlängelnden Bedienung zugerufen, die einen auf wundersame Weise sogar mit dem bestellten Getränk wiederfindet. In der Mitte des Raums eine kleine Kanzel. Schon recht zerkratzte Scheiben aus Plexiglas umschließen sie. Zwei Plattenspieler, ein mit vielen Reglern und Knöpfen gespicktes Mischpult dazwischen und dahinter der, der für den Abend den Ton an- und den Takt vorgibt. Der DJ. Neben ihm, so ein bisschen in der Position des Assistenzarztes bei einer Operation, der Steuermann für die Lichtanlage – das Auge hört ja schließlich mit. Unter den beiden eine im Takt wogende Menschenmasse. Jeder Bassschlag scheint wie der Stromimpuls aus einem Defibrillator zu wirken, der in den Beinen der tanzenden automatisch einen Muskelreflex auslöst. So geht es dann stundenlang bis tief in die Nacht und der Beat hämmert ohne die kleinste Unterbrechung - the pulse of the night.

Das war die Zeit der Großraumdiskotheken. Tausende versammelten sich freitags und samstags zum kollektiven Feiern. Eintauchen und sich fallen lassen in ein Meer aus Musik und Licht – Eins werden mit dem großen Schwarm, der sich genussvoll von der Strömung des Abends mitreißen lässt. Bis in die späten 90er waren die großen Tanzpaläste der Neuzeit die erste Wahl, wenn es darum ging zu feiern, zu tanzen – Spaß zu haben. Was letztlich ausschlaggebend für das Ende der Ära der Großraumdiskotheken war, ist umstritten. Ihr zum Opfer gefallen ist jedenfalls auch dieser Tanztempel und das schon vor über 8 Jahren. Vielen Nachtschwärmern war diese umgebaute Fabrik einst Kulisse ungezählter durchfeierter Nächte, Gelegenheit erster oder gar heimlicher Küsse wie auch dem ein- oder anderen peinlichen Absturz. Sang- und klanglos hat sich dieses Epizentrum des ausgelassenen Feierns und Tanzens aus dem Nachtleben verabschiedet. Heute sitzen die Teenager von einst bei etwas leiseren Tönen und einem Aperol Spritz, Caipirinha oder einer Weißweinschorle, die Kinder für den Abend bei den Großeltern untergebracht, in einer Bar und sinnieren über die schöne alte Zeit, in der kein Abend zu lange und zu wild sein konnte.
Auch viele DJs haben inzwischen den Weg in die Szene-Bars gefunden. Sie spielen vor einem kleineren, gesetzteren aber nicht minder geneigten Publikum, das gut gemixte Beats zu schätzen weiß – Kammerkonzerte der elektronischen Art.

And the Beat goes on.


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