Essays

Unser verNETZtes Leben

Inzwischen fast drei Stunden täglich klicken, wischen, senden, empfangen, scrollen, liken, kommentieren, searchenund surfen wir im Netz, das die großen digitalen Taranteln immer enger um unser Lebenspinnen. Tatsächlich sind wir längst 24/7„drin“ und hängen an der on-Leine, denn unser Smartphone schläft nie. 


Das Netz - es ist längst zu einem weiteren der Elemente geworden - Feuer, Wasser, Erde, Luft und Netz. Wir leben immer weniger mit, sondern in ihm und das mit einer kollektiven Selbstverständlichkeit, als wäre es nie vorher anders gewesen. Doch es liegt gerade mal 13 Jahre zurück, als Steve Jobs das erste iPhone vorstellte. Bis dahin war unser Leben weitgehend analog.Es war damals noch ein bewusster und vergleichsweise aufwendiger Akt: Ich gehe heute Abend mal ins Internet. Nachdem der Rechner mit lautem surren seines Lüfters einem bedeutete, aktionsbereit zu sein und das Modem dies mit einem kreischenden Düüüdeldüdidüüüü verkündete, ließ man den Gummiball unter der verkabelten Maus über das Mousepad gleiten, das damals noch selten ein Werbegeschenk war. Gut erhalten oder sogar neuwertig, sind diese Artefakte der digitalen Steinzeit heute teure Sammlerstücke oder in Museen zu finden. Gefühlt eine Ewigkeit her – tatsächlich „gestern“ gewesen. 

2016 lauschte ich einem Vortrag des Zukunftsforschers Prof. Dr. Eckard Minx, der seit vielen Jahren Firmen wie Daimler Benz in Zukunftsfragen berät. Sein Thema war der digitale Wandel in der Finanzwirtschaft. An sich ein Thema, bei dem man schon einiges an Motivation braucht, um das spannend zu finden. Während seiner einleitenden Ausführungen kam er jedoch auf die zumindest sehr unterhaltsame Frage an das Auditorium, welche App denn jeder so verwendet hat während der letzten Fußball-WM in Deutschland. Ein großer Querschnitt aus dem App-Store wurde sodann aufgezählt – von Wetter-App bis Apps für die Spielergebnisse. Alles falsch! Die WM war 2006, das erste Smartphone kam erst gut ein Jahr später auf dem Markt. So viel dazu! Längst können wir uns gar nicht mehr wirklich erinnern an unser altes analoges Leben, das wir vor ein paar Jahren noch geführt haben. 

Unser Leben ist heute eine untrennbare Mischung aus analog und digital. Wir sind humanuideHybride, die permanent miteinander digital vernetzt sind. Denn auch im Schlaf, dem letzten Hort unseres anlogen Lebens, pulsiert das digitale Leben weiter, werden News und Nachrichten für uns gesammelt, bewertet und selektiert, Sterne, Herzen und Daumen vergeben oder entzogen. Alle sind dauer-on. Nicht alle sind begeistert – schon klar – , aber jeder ist heute irgendwie ein Teil der großen globalen Netz-Community. Ich bin on, also bin ich! 

Mindestens zwei W-LAN-Balken oder LTE, Bluetooth an und Ortungsdienst ein – das ist das Tor zum digitalen Teil unserer Welt, in der wir heute leben und deren Grundsteine meine Generation gelegt hat und die nachfolgenden Generationen X und Y und deren Kinder und Kindeskinder immer weiter darauf aufbauen werden. 

Im Netz kann sich heute auch jeder feiern. Jeder kann sein Leben vor den anderen ausbreiten. So sind die einschlägigen Portale voller kleiner Ego-Altäre. Alle sind auch immer gut drauf, haben Spaß, sehen gut aus, erleben die tollsten Sachen und werden von allen geliebt und bewundert. Unsere Netzhaut muss nur möglichst viele Push-Mitteilung reflektieren, und schon sind wir happy – so einfach! Ist’s nicht wie im Paradies? 

Dass ich um den zeitlichen Scheitelpunkt von der alten Analogwelt zur digital-virtuellen Welt geboren bin, finde ich sehr spannend. Möglicherweise ist meine Generation für eine sehr langes Zeitalter die einzige, die diesen enormen epochalen Umbruch bewusst miterlebt hat – analog geboren und aufgewachsen - digital alt geworden und gestorben. Wir können uns noch daran erinnern: Autofenster runterkurbeln, aufstehen und am Fernseher umschalten, Telefone mit Wählscheibe, Auskunft anrufen, Überweisungsvordrucke mit Durchschlag, Kassetten überspielen, Videokassette vor Rückgabe zurückspulen müssen usw. usf. Nichts davon weine ich nach. Jedes moderne Pendant ist heute besser, schöner, schneller! Danke, schöne neue digitale Welt!

Meine Brückengeneration ist etwas vergleichbar mit den Menschen, die gerade noch in der DDR groß geworden sind, dann die Wiedervereinigung mitten in ihrem Leben mitvollzogen haben und heute mit jedem unhinterfragten Selbstverständnis in der neuen Welt des Wettbewerbs und Konsums leben, als hätte es nie den „real existierenden“ Sozialismus gegeben. Keiner denkt heute auch mehr wirklich daran, dass 5 Euro mal 10 Mark waren. Längst vergessen, dass 10 West-Mark mal 120 Ost-Mark waren.  

Doch es gibt auch noch die, die ganz analog leben. Brauch' ich nicht, sagen sie. Stimmt – zumindest für sie selbst und ihr Leben. Mach' das Ding doch mal aus, wird uns dann genervt entgegnet. Genau hier verläuft die Demarkationslinie zwischen den alten Generationen. Ausschalten? Das ist ja wie ein vorgetäuschter Selbstmord – nur digital. Das tut man nicht! Das ist auch nicht komisch! Als Gründungsmitglieder der globalen Netzgesellschaft sind wir ihre Grandmaster. Wir wissen noch, wie alles begann und sogar, wie es früher einmal war. Wie die Ritter des Templerordens tragen wir unser altes Wissen in uns und bleiben online – keine Frage! Meine Altersgenossen sind es ja auch noch (!), die in dieser Welt das Zepter in der Hand haben. Microsoft-Gründer, Bill Gates, ist 64, und die Google-Gründer, Larry Page und Sergey Brin feierten inzwischen beide ihren 46 Geburtstag und Mr. Facebook, Marc Zuckerberg, bringt’s inzwischen auch schon auf 35 Lebensjahre. 

Das letzte, das wir aus der Hand legen, bevor wir ins Bett gehen und das erste, nach dem wir jeden Morgen noch schlaftrunken tasten, ist das Smartphone. Durch derlei fast zwanghafte Riten drängt sich eine zentrale Frage meiner Generation zwischen gestern und morgen auf: Bin ich heute der, der ich auch ganz analog geworden wäre? Was hat das hybride Leben mit bzw. im Netz aus mir gemacht?Schaue ich nicht manchmal herab auf die Menschen, die da am Bahngleis stehen, ein jeder für sich und eines jeden regungsloses Antlitz beschienen vom Licht des Smartphone-Displays?

Wir inszenierenuns im Netz, staunen und wundern uns über andere, balzen für uns, befürworten, kritisieren, merke an, witzeln – alles selbstverständlich wohl dosiert und obwohl uns die meisten dieser Interaktionen bisher gar nicht entsprochen haben. Doch wer empfangen will, muss auch senden. Und da wir gemocht werden wollen ist alles auf den ultimativen Positivismus angelegt, der nur Sterne, Herzen, 1000 Freunde und Daumenhoch idealisiert. Die Netz-Aufmerksamkeit ist ein wohliges und bestätigendes Gefühl, das man schnell nicht mehr missen möchte – im schlimmsten Fall nicht mehr missen kann – und das die Haut dünner werden lässt. Wenn wir nach dem Zähneputzen kein neues Instagram-Herzchen, keinen Daumen und kein Sternchen bekommen haben, fühlen wir uns einsam und zurückgelassen. Eine irritierende Existenzunsicherheit beschleicht uns, die uns permanent auflauert und jederzeit zuschlagen kann. Die wunderbare Stille des alleine und ganz für sich seins auf einer Berghütte mit qualifiziertem Funkloch ohne W-LAN fühlt sich wie ein gefährliches Überbleibsel einer alten untergegangenen Welt an. Schon nach Stunden im Kino oder einer längeren selbst absolvierten Autofahrt stellt sich ein subtiles Amputationsgefühl ein, das wir dringend loswerden bzw. kompensieren wollen. 

Smartphone, gewähre mir nur einen Blick auf dein Display und meine Seele ist wieder gesund. 

Man könnte widerstehen. Dafür muss man sich allerdings schon sehr selbstüberzeugend einreden, dass das kleine Wunderkästchen jetzt nichts für einen bereithält, nicht seiner selbst willen wichtig ist. Wir befinden uns in einem Gefühlschaos: Abstinenz fühlt sich letztlich genauso mies an, wie das vom Wunsch nach digitalem Anschluss getriebene ewige Wischen in den Timelines von Facebook, Instagram und Co.An der Selbstachtung nagend, wie eine selbst er- und anerkannte Sucht. Etwas beruhigend ist, dass es allen ähnlich geht. Befreundete Paare, akademisch hoch gebildet, sitzen abends zusammen, aber gleichzeitig das Smartphone von dem Gesicht, ohne dass sie wirklich wissen, was sie da gerade tun. Noch nicht ganz aus dem Flugzeug gestiegen,fixieren alle im Bus zum Terminal mit starrem Blick ihre kleinen Bildschirme – erst von unstillbarer Neugier getrieben, dann in angeödeter Erkenntnis, dass sie während ihrer Offline-Zwangspause doch nicht zum Star of the digital Univers avanciert sind.

Jeder will sich ganz individuell und einzigartig präsentieren. Schließlich will man ja nicht das Ei sein, das allen anderen gleicht. Hinter der Fassade der leuchtenden Netz-Glitzerwert ist es aber ziemlich gleichförmig. Alle schauen in das gleiche Gerät, alle suchen bei Google, kommunizieren auf den gleichen Plattformen, haben mehr oder weniger die gleiche Art Humor, liken und teilen die gleichen Hashtags und Beiträge. Es entsteht systembedingt eine Massen- und Gefallsucht.Schließlich zählt nur der, der möglichst viele auf sich und das was er digital absondert,vereinen kann. Was kennzeichnet also wirklich alternative Lebensentwürfe in der digitalen Welt? Wie entkommt man den Internet-Konzernen – den Taranteln - , dem kollektiven Pranger – kurzum, wie vermeide ich es nicht als digitale persona non grata und Aussätziger zu gelten, wenn man den uniformen binären Weichspüler weglässt auf seinem kommunikativen Weg durchs Netz? Der Ausschaltknopf ist jedenfalls kein Fluchtweg mehr, denn damit würde man nicht nur das Gerät, sondern sich selbst ausschalten! 

Auch ich habe heute einen großen Teil meines Wissens aus dem Netz. Die ständige Verfügbarkeit von nahezu allem Wissen ist eine der größten Errungenschaftender Menschheit - ein Menschheitsgeschenk! Die Bibliotheken dieser Welt to go. Phantastisch! Die Tränke für jeden noch so großen Wissensdurst ist heute nur noch einen Klick entfernt. Den digitalen Bibliothekaren kommt allerdings dabei eine enorme Verantwortung zu und mir scheint, dass es bis jetzt noch keine anerkannte Instanz gibt, die über deren Wahrnehmung wacht. Erkenntnis aus scheinbar objektiven Tatsachen als neutrales Wissen für sich erkannt, löst immer auch ein Verhaltensmuster und situative Handlungen aus. Das Wissen um diese Korrelation wiederum birgt ein hohes Gefahrenpotential für Missbrauch. 

Schließlich ist es gut möglich, dass die nachrückenden Generationen mit den in diesem Text zusammengefassten Gedanken nichts mehr anfangen kann. Ihre Netz-Selbstverständlichkeit wird einenochmal ganz andere sein.Ihre virtuellen Sinnesorgane sind vermutlich schon viel weiter ausgebildet – mich Digital-Dinosaurier evolutionär völlig abgehängt. Sie leben in der digitalen Welt, brauchen keine Brücke mehr, um zu ihr zu gelangen. Die Unterscheidung zwischen Facebookfreund und Freund kennen sie nicht mehr. Sie vollziehen die Emanzipation des Netzmenschen. 

Der hummanoideHybride stirbt nach seinem kurzen Dasein aus. Mein Ende naht.  


Christian Sünderwald

28.01.2020

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